Kein Leben ohne Zwischentöne!

KULTUR VOR ORT - Diether DEHM und Michael LETZ im HERTENER SCHLOSS

11.10.2010

„Ein garstig Lied! Pfui! ein politisch Lied!" Was Goethe einem der Zecher in Auerbachs Keller in den Mund legt, ist für Diether Dehm am Abend des 10. Oktober alles andere als Maxime: Noch vor Beginn des Konzerts mit Pianist Michael Letz erklärt Dehm den ZuhörerInnen, dass sie auf Stücke von Kurt Weill vergeblich warten würden. „Gleiche Verhältnisse schafft man dadurch, dass man Ungleiches ungleich behandelt", und Kurt Weill sei erheblich präsenter als Hanns Eisler. „Solange sich das nicht ändert, spiele ich Kurt Weill nicht." Dass sich darunter jede Menge politische Lieder finden, ist völlig klar.

Aber auch von Dehm selbst Geschriebenes steht auf dem Programm und bringt einiges an politischer Botschaft mit. Das mit Klaus Lage bekannt gewordene Lied „Monopoly" etwa, das zwar politisch ist, aber deswegen durchaus nicht garstig daher kommt.

Ohnehin legt Dehm bei seinem Auftritt im Hertener Schloss großen Wert auf Zwischentöne und Spaß auch beim Klassenkampf. Liebe, Schönheit, Freude am Leben dürfe auf keinen Fall zu kurz kommen. Das wird nicht nur deutlich bei Dehms wortreichen Moderationen und soziohistorischen Ausführungen, die den Hintergrund des angesagten Titels beleuchten, es wird geradezu sinnfällig bei seiner interpretierenden Übersetzung des italienischen Partisanenliedes „Bella Ciao". Der marschierende Duktus, mit dem die gängige deutsche Übersetzung des Liedes daher komme, wäre für Dehm nur tragbar „wenn wir es zustande gebracht hätten, Hitler eine Kugel in den Leib zu jagen." Bei Dehms Bearbeitung erhält das Lied eine Facette zurück, die im italienischen Original eine große Rolle spielt: Abschied und zärtliche Liebe in drohender Gefahr. Am Klavier bringt Michael Letz mit verzweigten Variationen des Hauptmotivs Zwischentöne ins Spiel, während Diether Dehm singend die großen Linien verfolgt.

Aktuelle Politik gibt es aber selbstverständlich auch: Auf dem Rückflug aus den USA habe er den Text für ein Lied geschrieben, dem Anrufbeantworter von Michael Letz die Melodie vorgepfiffen: Während Dehms US-Aufenthalt sind zwei Todesurteile in den USA vollstreckt worden, das Lied versucht die letzten zwei Stunden der Todeskandidaten zu beschreiben. „Noch sind es zwei Stunden, noch ist der schwere Schlüsselbund nicht zu hören".

Sollte der Zecher in Goethes Faust mit garstig-politischem Lied gemeint haben, dass politische Lieder dazu neigen, schwer und traurig zu sein, so hat er zumindest bei diesem Lied entschieden recht.

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